Fahrradtour ins Storchendorf

Von Frankfurt nach Kłopot (38,7 km)

Słubice: Stadtbrücke – 2,3 km: Abzweig nach Sulęcin – 3,5 km: Świecko: Autobahnbrücke – 2,2 km: Eilangbrücke – 6,7 km: Rybocice – 2,5 km: Kunice – 4,0 km: Pleiskebrücke – 1,0 km: Urad – 2,7 km: Oderdeich – 7,6 km: Rybojedzko – 4,5 km: Brücke nach Nirgendwo – 1,7 km: Kłopot


Die Oder zu entdecken und sie mit neuem Blick zu betrachten, das war meine Absicht, als ich mich in den Regionalexpress nach Frankfurt (Oder) setzte und dort um 09.02 Uhr aus dem Zug stieg. Viele Studenten der Frankfurter Universität Viadrina wählten wie ich den zunächst über einige Stufen hinabführenden Weg in Richtung Lindenpassage. Wer es ruhiger mag, sollte am Wochenende oder einen Zug früher reisen. Gleich hinter dem Campusgelände verläuft der Neiße-Oder-Radweg.

Mein Ziel war das am polnischen Ufer gelegene Storchendorf Kłopot. Die Stadtbrücke verbindet Frankfurt am Flusskilometer 583 mit der ehemaligen Dammvorstadt und der heutigen Partnerstadt Słubice (16.600 Einw.). An ihrem Ende beschreibt eine Informationstafel den genannten Radweg am westlichen Ufer. Es gibt aber auch am östlichen Ufer durchgehende Markierungen. Vorbei am 1998 eröffneten Collegium Polonicum, das eng mit der Viadrina zusammenarbeitet, und dem Kulturhaus von Słubice erreicht man in östlicher Richtung die weiße Marienkirche. Sie entstand durch den Umbau des ehemaligen Schützenhauses und den Anbau eines Turmes. Erst jetzt geht es am Rand der Oderaue in südlicher Richtung weiter. Bei einem kleinen Teich zweigt in östlicher Richtung die Straße nach Gorzów und dann zur rechten Seite die Straße der Großpolnischen Aufständischen (ul. Powstańców Wielkopolskich) ab. Diese führt durch einen Wald und unter der Bahnstrecke Berlin – Warschau entlang zur Autobahn. Der Radweg verläuft auf einem kurzen Abschnitt parallel zu ihr. Die 1957 fertiggestellte Brücke, die mit einer Länge von 581 Metern am Flusskilometer 580 mit sieben Bögen die beiden Ufer der Oder verbindet, ermöglicht die sichere Passage auf die andere Seite der wichtigen europäischen Magistrale.

Gleich südlich der Brücke liegt ein sehr bekanntes Dorf: Świecko (bis 1945: Schwettig). Es hat zwar nur 200 Einwohner (1939: 621), gibt jedoch dem Grenzübergang der Autobahn nach Deutschland den Namen. Dieser ist schon in großer Entfernung in Polen ausgeschildert. Bei der letzten Ausfahrt in Polen fehlt dann aber jeglicher Hinweis zur Zufahrt nach Świecko. Zwischen der Brücke und dem Dorf erinnert eine Gedenkstätte an die Insassen des Strafkonzentrationslagers Schwettig (1940-1945). Durch den Ort verläuft eine gut ausgebaute, wenig befahrene Nebenstrecke nach Urad. In der Ortsmitte weisen die grünen Markierungen des Radweges allerdings nach rechts und führen auf die Brücke über die Eilang (Ilanka), die wenige hundert Meter flussabwärts in die Oder mündet.

Die 56 km lange Eilang fließt durch die waldreiche und recht dünn besiedelte Reppener Heide. Bei Rybocice erreicht sie den Nordrand des Berliner Urstromtales, dem sie auf ihrem letzten Abschnitt folgt. Der Radweg wiederum folgt dem nahen Oderdeich unterhalb der Krone. Der Weg ist recht zugewachsen. Wenn die Aktivitäten der Radfahrer und Wanderer nicht zunehmen, wird er wohl bald verschwunden sein. Dies wäre schade, denn der Blick über die sich zwischen Oderdeich und dem Hochufer erstreckende Niederung entbehrt nicht eines gewissen Reizes. Die Deiche folgen zunächst dem westlichen Rand, um sich dann nach Osten zu wenden. Auf der Höhe von Rybocice, dessen Kirche weithin sichtbar ist, tritt das Hochufer an die Oder heran. Der Fluss teilt so die ehemalige Auenlandschaft in einen kleineren nördlichen Teil und in die größere Ziltendorfer Niederung. Östlich des namensgebenden Dorfes erreicht diese eine Breite von fast zehn Kilometern.

Der Deich endet in einem Wald, so dass man dem Weg am Waldesrand in Richtung Kirche folgen muss. An der kommenden Feldwegkreuzung fand ich keine Markierung mehr vor. Zum Glück hatte ich wenige Tage zuvor im Informationszentrum in Sulęcin eine Radwanderkarte der Region erhalten. Auf dieser entdeckte ich einen gestrichelten Weg, der weiterhin der Oder folgt. Also wandte ich mich nach rechts. Der feine Pulversand und die nicht unerhebliche Anstieg zwangen mich zum Schieben des Fahrrades. Zwei Zitronenfalter schienen mir den Weg weisen zu wollen. Oben angekommen weitete sich erneut der Blick. Ein Schild informiert, dass die Passage geradeaus auf Grund von bergbaulichen Tätigkeiten gesperrt ist. Ich vermutete Kiesgruben. Der Weg nach rechts folgt der Oder, die nunmehr um Einiges tiefer gemächlich dahinfließt. Der Weg war weiterhin schwer befahrbar. Ich beschloss, auf der Rückfahrt die Straße zu wählen. Dann führten Betonplatten zum Fluss hinab.. Beton ragt aus dem Boden empor. Wollte man hier einst eine Brücke errichten? Unten auf dem Fluss begegnete das kleine deutsche Kontrollboot, das mich bereits seit der Autobahnbrücke begleitete, einem Schubverband. Da der Weg weiterhin unangenehm war, freute ich mich, als ich die ersten Häuser von Kunice erreichte.

Die Stadt Frankfurt erwarb 1373 das alte Dorf Kunice (bis 1945: Kunitz). Es liegt idyllisch am hohen Oderufer und machte einen sehr gepflegten Eindruck. Als ich mich den ersten Häusern näherte, kam von der Hauptstraße ein Auto an. Es begleitete mich bis zum Ortsausgang. Der Fahrer war der Postbote. Ob er wohl häufig Fotografen im Ort antrifft? Da Kunice auf dem Hochufer liegt, reichen die Grundstücke bis nah an den Fluss. Einst muss der Häuserbestand in dem Dorf mit seinen 972 Einwohnern (1933) größer gewesen sein. Große Freiflächen, auf denen teilweise noch Steine herumliegen, weisen darauf hin. Nach der Eindeichung der Oderauen ging von dem Dorf die Gründung der Kolonie Kunitzer Loose am gegenüberliegenden Ufer aus. Wie der Name besagt, wurden die Grundstücke unter den ersten Kolonisten verlost.

Nunmehr folgte ich der ruhigen Nebenstraße, auf der mir  erst am Ortseingang des nächsten Dorfes das erste Fahrzeug entgegen kam. Nach der kleinen Wüstentour genoss ich den glatten Asphalt. Hier traf ich wieder auf die Wegmarkierungen. Näher könnte man dem Fluss gar nicht folgen. Die Grenzpfosten stehen teilweise dicht an der Straße. Zur linken Seite verläuft die stillgelegte Bahnstrecke von Kunowice bei Rzepin nach Cybinka. Rechts geht die Zufahrtstraße zum Oderhafen Urad ab. Genutzt wird er wohl kaum oder gar nicht. Vielleicht wird sich das ändern. Vor wenigen Jahren kaufte der Kreis die Bahnstrecke auf. Dann geht es hinab in die Pleiskeniederung. Bei hohem Oderwasser fließt die Pleiske (Pliszka) recht breit durch die Niederung. Wie die Eilang hat sie ihren Ursprung im Herzen der Sternberger Seenplatte bei Łagów. Sie fließt abseits größerer Orte ausschließlich durch Wälder und einige Lichtungen. Daher zeichnet sie sich durch sehr reines Wasser aus und ist ein Refugium für Bachforellen, Äschen und Bachneunaugen.

Die Informationstafel bei dem Dorfladen in Urad (bis 1945: Aurith) teilte mir mit, dass ich bereits (mindestens) 23 Kilometer zurückgelegt hatte und bis zum Ziel 16 weitere Kilometer verblieben. Das am Hochufer gelegene und bereits im 13. Jahrhundert erwähnte Dorf hatte sich nach der Flussregulierung auf das andere Ufer ausgedehnt und war mit dem Vorwerk durch eine Fähre verbunden. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges zählte der Ort knapp 1.300 Einwohner, heute etwa 440. Statt der 1945 zerstörten Kirche errichtete man die Marienkapelle. Das gegenüber ¬liegende Haus scheint einst die Dorfschule beherbergt zu haben. Hinter dieser folgt der Radweg der gepflasterten Straße geradeaus, am Dorfende geht er in einen breiten unbefestigten Weg über und erreicht einen bis zum Ufer reichenden Wald.

Die Fahrt durch den Wald war angenehm. Zwischen den Stämmen zeichnete sich eine weitere Flussbiegung markant ab. Gerade als ich so bei mir denke, dass dies mein Lieblingsabschnitt sein könnte, begann auf einer alten Pflasterstraße eine rasante Abfahrt in die Niederung, die mich über zwei Kanalbrücken führt.

Während der schnellen Fahrt habe ich den nach rechts weisenden Pfeil übersehen und stand ohne weiteren Hinweis vor einer Kreuzung. Geradeaus ging es hinauf zum Oderdeich. Dieser ist mit Betonplatten belegt, die mich zur Weiterfahrt reizten. Sie fuhren sich zunächst erstaunlich gut. Am Horizont erhebt sich über dem hier schnurgerade verlaufenden Deich die imposante Industriesilhouette von Eisenhüttenstadt. Auch erblickte ich mein kleines „Begleitboot“ wieder, dass nunmehr am deutschen Ufer angelegt hatte.

Südlich von Urad verlaufen die Deiche quer durch das breite Urstromtal und nähern sich bei Vogelsang und Fürstenberg (seit 1961 ein Teil von Eisenhüttenstadt) dem westlichen Talrand. Hier beginnt der Oder-Spree-Kanal. Hätte sich die Oder nicht einst entschlossen, bei Frankfurt die Lebuser Platte zu durchbrechen, so läge Berlin heute an der Oder. Zur linken Seite tritt das Hochufer weit zurück. Wenn man sieht, wie dem Fluss hier die natürlichen Ausdehnungsmöglichkeiten genommen wurden, erschließt sich sofort der Grund für die Gefahren beim Hochwasser in diesem Bereich. Der gegenüber liegende Deich gehört zu den gefährdetsten Abschnitten, denn hier knicken die Deiche beim Flusskilometer 560 geradezu rechtwinklig ab, so dass das Hochwasser hier besonders stark auf die Erdwälle drückt.

Das etwas weiter südlich gelegene ehemalige Oder-Vorwerk, zu dem einst auch eine Ziegelei gehörte, trägt heute den Namen Rybojedzko (95 Einw.) und beherbergt eine Milchviehhaltung. Bevorzugt wird eine braune Rasse.

Nunmehr bildet die um 1400 errichtete gotische Nikolaikirche von Fürstenberg die Dominante am gegenüberliegenden Ufer. Nach einer weiteren Flussbiegung tauchte schließlich die größte Überraschung auf: die Brücke nach Nirgendwo. So jedenfalls bezeichnen die Polen die erhaltenen fünf Bögen der im Februar 1945 zerstörten Oderbrücke. Viel hatte ich von den Bemühungen um den Wiederaufbau einer Brücke in dieser Region gehört. Dass aber noch so viel vom alten Bauwerk steht, hatte ich nicht gewusst. Ich fühlte mich an Avignon erinnert. Dort hat ein Lied die durch ein Hochwasser zerstörte Brücke weltberühmt gemacht. Und hier? Kein Tanz auf der Brücke, kein Singen, keine Touristen und Schaulustigen weit und breit.

Bei den eindrucksvollen Brückenresten weist ein grüner Pfeil nach links. Durch eine kleine asphaltierte Allee erreichte ich kurz darauf mein Ziel: das Storchendorf Kłopot (bis 1945: Kloppitz). Bereits kurz hinter dem Ortseingang erblickte ich auf einer Scheune an der linken Seite das erste Storchenpaar auf einem sehr stattlichen Nest. Das nächste Nest war umbesetzt. Am Dorfanger herrschte größere Regsamkeit. Die Störche suchen eben die Nähe zum Menschen und wollen alles genau beobachten. Auf meiner Fahrt durch das Dorf zählte ich 21 Störche. Das war knapp die Hälfte der diesjährigen Storchbevölkerung. 22 Nester sind besetzt, nur eines weniger als im vergangenen Jahr. Damit entfallen vor dem Schlüpfen der Jungen bei einer Dorfbevölkerung von 180 Einwohnern auf jeden Storch etwa vier Dorfbewohner, so dass sich Kłopot mit Fug und Recht als Storchendorf bezeichnen kann. Das hiesige Storchenmuseum informiert über „die Schwierigkeiten im Storchenleben“, womit auf die Bedeutung des Ortsnamens („kłopot” = Schwierigkeit, Problem) angespielt wird (www.mbb-klopot.bermar.pl – auch deutschsprachig). Tatsächlich findet der Storch in dem auf halbem Wege zwischen dem Fluss und dem östlichen Hochufer gelegenen Dorf eine reichliche Futtergrundlage. Bis zum ebenfalls im Berliner Urstromtal gelegenen Storchendorf Linum (bei Fehrbellin) sind es von hier übrigens 177 km. Gegründet wurde der Ort wahrscheinlich während der großen Kolonisation im 13. Jahrhundert. Recht bald kam es in den Besitz der Johanniterkomturei in Sonnenburg (heute Słońsk) in der Nähe der Warthemündung, bei der es bis 1810 blieb.

Der Informationstafel im Kłopot entnahm ich, dass nunmehr wiederum 39 km auf mich warteten. Wie schön wäre es doch gewesen, wenn ich über eine intakte Brücke direkt zum Bahnhof nach Eisenhüttenstadt gelangt wäre. Von den Betonplatten auf dem Deich hatte ich erst einmal genug. So wählte ich eine Betonstraße in der Niederung. Davon gibt es einige, allerdings ohne Hinweisschilder. Es handelt sich eher um befestigte Wege für landwirtschaftliche Fahrzeuge. Mein erster Versuch endete an der oben erwähnten Rinderhaltung. Ein zweiter Versuch führte auch nicht viel weiter. So kehrte ich bis Urad auf dem Deich zurück. Mein Ziel war ja ohnehin die Oder gewesen, und vom Deich bietet sich nun mal wirklich der beste Blick.

Wer nach der Ankunft in Słubice noch über Zeit und Kräfte verfügt, dem sei noch der Abstecher nach Nowy Lubusz empfohlen. Der Radweg auf dem Deich in nördlicher Richtung von der Stadtbrücke ist gut ausgebaut. Zunächst folgt er einem Altarm der Oder und der unter Landschaftsschutz gestellten Oderaue. Dann nähert er sich dem Fluss. Bei Nowy Lubusz (Neu-Lebus) lädt in der Sommersaison eine Bar mit Speiseangebot zum Verweilen ein. Der anschließende Blick auf die Oderhänge am westlichen Ufer und das der Region den Namen gebende Städtchen Lebus am Flusskilometer 694 lohnt den Weg allemal. Etwas weiter führt der markierte Radweg durch das südliche Oderbruch in das ehemalige Kolonistendorf Pławidło (bis 1945: Tirpitz). Über eine recht gut ausgebaute und wenig befahrene lokale Straße sowie über die vor der Hauptstraße nach rechts abbiegende Straße gelangt man zurück zum Oderdeich in Słubice.


 


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► 23.08.16 Driesen, Netzeheide & Landsberg a. d. Warthe . . . . . . . . . . . . .  .. . . . .  .